Wärt ihr nicht besser zuhause geblieben?

syrien_fluechtlinge_azraq-campDenen, die mich fragen: „Wäre es nicht besser gewesen zuhause zu bleiben als im Meer zu sterben?“, antworte ich: „Wir sind weder dumm noch verrückt. Wir sind verzweifelt und wir werden verfolgt. Zu bleiben, würde den sicheren Tod bedeuten, zu gehen, bedeutet den wahrscheinlichen Tod. Was würdet ihr wählen? Oder besser gefragt: Was würdest ihr für eure Kinder wählen?“

Denen, die sagen: “Was hofft ihr in Europa zu finden? Wenn es hier noch nicht einmal für uns Arbeit gibt, kann es dann für andere Arbeit geben?“, antworte ich: „Wir suchen Sicherheit, eine Zukunft. Wir versuchen zu überleben. Wir sind nicht schuld daran, dass wir am falschen Ort zur Welt kamen. Und es ist nicht euer Verdienst, dass ihr am richten Ort geboren wurdet.“

Mein Schwager ist mit mir geflohen. Bevor man ans Meer kommt, ist die Wüste. Sie tötet genauso viele wie das Meer. Aber diese Leichen wecken keine Emotionen, weil niemand sie auf den Bildschirmen sieht. Weil da keine Journalisten sind, die dauernd fragen, wie viele Frauen und Kinder starben und wie viele Schwangere. Denn hier im Westen scheint es so, dass das Grauen nicht ausreicht, es braucht auch noch Pathos. Mein Schwager starb in der Wüste. An Hunger. Nachdem uns niemand zu etwas essen gegeben hatte, 24 Tage lang. Zuhause ist eine Ehefrau, die die Tragödie nicht glauben will und auf einen Anruf wartet, von dem ich weiß, dass er nie stattfinden wird.

Zuhause sind die Überreste eines Traumes, eines Vorhabens, eines Lebens. Ein Ticket für zwei war zu teuer bei den Schleppern; sie hatten das Geld nicht. Wenn er geblieben wäre, wären beide getötet worden. Sein letztes Geschenk an seine Frau war das Leben. Weil er flüchtete, war ihr Leben nichts mehr wert, deshalb ließ man von ihr ab.

Denen, die fragen, “Wie kann man noch mehr Tote im Mittelmeer verhindern?”, antworte ich: „Kommt und seht wie wir leben, wo wir leben, schaut euch unsere Schulen an, lest unsere Zeitungen, geht unsere Straßen entlang, hört euch unsere Politiker an. Bevor ihr das x-te Gesetz erlasst, die x-te Anweisung, die x-te spezielle Maßnahme, lernt uns kennen. Findet die Antworten an den Orten, aus denen wir fliehen und nicht an den Orten, die wir erreichen wollen.

Wechselt die Perspektive, zieht unsere Schuhe an und versucht zu leben, wie wir leben. Ihr werdet verstehen, dass die Kriminellen, die uns in diese Badewannen hinein holen, die Wüste, das Meer, der Hass und Gleichgültigkeit, die viele von uns erwarten, nicht das Schlimmste sind, was passieren kann.

Aweis Ahmed, Flüchtling aus Somalia, der jetzt in Italien ist
Aufgezeichnet von Marta Bernardini, Mitarbeiterin beim Projekt „Mediterranean Hope“ in Lampedusa, Italien.

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